Geschichte

Texte

Das erste Mal, als ich auf der hölzernen Bank saß, regnete es in Strömen. Die Wassertropfen schienen bereits in der Luft zu zerplatzen, so heiß war es. Ich hatte schon immer nach den besonderen Momenten des Lebens gesucht.

Vier Elemente, die ungehindert aufeinanderprallten; so voller zerstörerischer, anschmiegsamer Gewalt. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, und trotz der frühen Morgenstunde flimmerte der Horizont vor Hitze. Wolkenbrüche teilten die schmutzige Luft in unzählige Stücke, um der stürmischen See ihre wertvollsten Diamanten zu schenken. Der Wind peitschte und ließ die Tropfen auf den Wellen tanzen wie es die Glühwürmchen nachts taten, wenn niemand zuschaute. Unten auf dem sandigen Meeresgrund öffneten die Muscheln vor lauter Begeisterung ihre Schalen. Was sie sich erhofften? Nunja.

Manchmal geschah es, dass die Sonne zur richtigen Zeit während des Spätsommerregens aufging, und ihre wärmenden Strahlen im richtigen Winkel hinab auf die Erde schickte, sodass ein Regenbogen entstand. Und wenn die Muschel Glück hatte, fand ebendieser Regenbogen genau dort sein Spiegelbild, wo sie sich niedergelassen hatte. So öffnete sie also ihre Schale und präsentierte dem Regenbogen ihr verletzliches Inneres, in der Hoffnung, ein wenig seiner Schönheit in sich aufnehmen zu können. Wobei sie ganz vergaß, dass sie selbst es war, die ihm gerade ein gleichermaßen berauschendes, nicht minder wertvolles Wunder der Natur entgegenstreckte.

Als ich das erste Mal auf der Bank saß, war ich auf der Suche nach Geschichten.

Ich saß einfach da und schwieg; bedacht darauf, zu finden wonach ich mich sehnte. Mein Blick schweifte von Körper zu Körper, von Seele zu Seele, und ich fragte mich, wie ich sie eigentlich erkennen sollte. „Die“ Geschichte. Was machte sie zu dem, was sie war? Was sie für MICH war? Woran klammerte sich die Bedeutung? Waren es tatsächlich Äußerlichkeiten, die mich hinführten zu dem, was ich zu erreichen versuchte? Waren es Umstände? Oder waren es einfach nur meine Gedanken, die mich just in diesem Moment innehalten ließen?

Sein forscher Blick schien die Hinterköpfe der Menschen zu fixieren, die er überholte. Aus seinem Mundwinkel stieg der Qualm einer kürzlich angezündeten Zigarette und die Musik, die aus seinen Ohrstöpseln dröhnte, konnte ich sogar hören, während ich auf der anderen Straßenseite saß. Ich saß einfach da, und beobachtete ihn. Ich verfolgte jede seiner Bewegungen, in der Hoffnung, sie verrieten mir mehr als es Worte vermochten.

Ein Windhauch ließ mich frösteln, und auch er zog seinen Kragen enger, um sich vor der aufstrebenden Kälte zu schützen.

„Entschuldigen sie? Wären sie womöglich so freundlich, mir den Schnuller anzureichen? Mein Enkelsohn hängt wohl noch zu sehr an der Brust“, vernahm ich eine Stimme rechts neben mir. Die alte Frau lächelte mich höflich an. Ich hatte ihre Anwesenheit gar nicht bemerkt, wurde mich klar, während ich mich nach dem Nucki bückte.

„Vielen Dank!“, sagte sie zufrieden. Ihre Worte ließen mich nicken. Meine Augen verweilten eine Weile auf dem Kinderwagen, den sie sachte vor und zurückschaukelte. Die großen, neugierigen Augen des Jungen schienen in mich hineinzuschauen. Als wüsste er genau, was ich denke. Was ich fühle. Furchteinflößend, wenn man nicht einmal selbst genau wusste, was in einem vorging.

Im nächsten Moment jedoch brach er den Bann, als er den Kopf wandte und die klitzekleinen Fingerchen nach etwas ausstreckte, das sich anscheinend hinter mir befand. Ich sah seine winzigen Nägel – noch zu weich, um sie zu schneiden. Er strampelte mit den kurzen Beinchen, und ein zahnloses Lächeln ließ seine Großmutter entzückt aufkreischen.

„Das ist das erste Mal, dass er lacht!“, rief sie glücklich und küsste seinen Minifuß, ehe sie ihn zurück unter die Decke steckte.

Ich wusste nicht, ob sie mit mir redete. Wahrscheinlich musste sie sich durch hörbare Worte lediglich selbst von ihrer Existenz überzeugen. Schmunzelnd drehte ich den Kopf, um die Ursache solch generationsübergreifender Freude zu erfahren. Da fiel mir plötzlich meine Geschichte wieder ein. Meine Güte, es hing so viel davon ab, ich durfte sie nicht verlieren!

Meine Augen suchten den Bürgersteig ab, doch ein riesiger Reisebus versperrte mir die Sicht. Ungeduldig wippte ich auf und ab. Jetzt begann es auch noch zu regnen. Um mich herum verwandelten sich die Straßen in ein buntes Meer aus Regenschirmen. Ich saß einfach da, spürte die Tropfen auf meinen nackten Füßen, wischte mir einen von der Nase, strich mir das nasse Haar aus der Stirn. Und wartete.

Endlich waren alle Urlauber eingestiegen und der Bus setze sich in Bewegung, als mir plötzlich eine Frage in den Sinn kam. Was, wenn das Gefährt nicht ihn verdeckte, sondern einen leeren Gehweg? War er womöglich längst in die nächste Gasse verschwunden? Würde ich ihn suchen? Würde ich meine Geschichte suchen? Würde ich sie finden?

Da lag seine Zigarette. Sie brannte noch, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis einer der zahllosen Regentropfen die Glut auslöschen würde. Nein, er durfte nicht entkommen. Er war meine Geschichte. Ich stand auf und lief geradeaus über die Straße. Scharfe Steinchen bohrten sich tief in meine Fußsohle, und nachdem ich seine Zigarette wie in Trance aufgehoben hatte, war mein Gesicht schmerzverzerrt. Man mag mich für verrückt halten, aber ich liebte dieses Gefühl. Es gab nichts echteres als das Gefühl, das nackte Füße erzeugten. Kühle, feuchte Erde. Taunasses Gras. Feiner, sonnengetrockneter Sand. Weicher, pulvriger Schnee. Sanfte Wellen, die an den Zehen lecken. Es gab nichts Großartigeres.

Im gleichen Moment entdeckte ich ihn. Er war stehen geblieben und blickte hinein in ein Schaufenster. Ich las die Schilder. „Drummershop“. Seine Stirn berührte beinahe die Glasscheibe, und er hob langsam die Hand, als wolle er etwas greifen, was sich dahinter befand. Ich konnte sein Gesicht erkennen. Es spiegelte sich im Licht der Straßenlaternen. Seine Augen sprangen von Sticks zu Cymbals, und seine Füße wippten einen unbekannten Takt. Ich sah ihn und es schien, als könnte ich in ihn hineinschauen. Ich dachte, was er dachte. Und das war der Beginn seiner Geschichte.

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